Atlas

Thesen: Da ist der Teilchendetektor „Atlas“ des Teilchenbeschleunigers CERN, dargestellt von Achim Riethmann in verhaltener Farbigkeit und akzentuiert mit weißen Aussparungen. Auf 9 gleichgroßen Blättern, gerahmt und hinter Glas, fügen sich die Blätter von „ATLAS (CERN)“, 2018, zu einem imposanten, gleichzeitig aber zurückhaltenden Wandbild-Ensemble zusammen. Wie durch ein großes Fenster schaut der Betrachter dann auf diesen „Atlas“, vielleicht wie ein Kontroller auf der CERN-Anlage, einem der weltweit größten Anlagen seiner Art. Für Globalität steht dieser „Atlas“, zeitgemäß und gemäß der gestellten Aufgaben wird hier nämlich wissenschaftliches Know-how vernetzt aus allen Teilen der Welt. Die wissenschaftliche Aufgabe zeichnet sich aber nicht nur durch ihre herausfordernde Komplexität aus, sondern auch durch ihren gleichsam abstrakten Gehalt, denn konkreter Nutzen, wie längst all zu oft bei den einst freien Wissenschaften, steht hier eben nicht im Vordergrund des Erkenntnisinteresses. Trotzdem: Der Glaube an technischen Fortschritt ist diesem „Atlas“ in jedem Detail eingeschrieben, das geometrische Raster, das sich aus der Rahmung der 9 Blätter ergibt, z. B. betont die wissenschaftliche Anmutung der Arbeit dann auch bewusst. Die Darstellung des in Berlin lebenden Künstlers - besonders die erwähnten weißen, das visuelle Geschehen unterbrechenden Flecken im Bild - stellt aber trotz dieser wissenschaftlichen Anmutung auch Fragen nach der darstellenden Qualität ihrer Zeichnung: Ab wann, ab welcher „Präzision“ bildet ein Bild etwas ab? Wie viele weiße semantische Leerstellen kann sich eine Darstellung also erlauben? Und wie viele „freie“ Assoziationen lässt das darstellende Bild trotz seiner erkennbaren Vorlage dann doch zu?

Antithesen: Wieder 9 Motive, zusammen jetzt so groß wie 1 Blatt des „ATLAS (CERN)“. Dieses mal zeigen die Blätter je eine von 9 Lieblingspflanzen vom Vater des Künstlers, Pflanzen aus dessen eigenem Permakultur-Garten. Distel, Mangold und Beinwell z. B. sind da zu sehen. Lokalität statt Globalität also tritt in der Serie „Martins Garten“, 2018, auf Achim Riethmanns ästhetischem Masterplan, zudem Natur statt Technik und Subjektivität statt Objektivität. Die dezidierte Antithesen dieses, wenn man so will, sehr „persönlichen“ Mikrokosmos, der sich gewissermaßen zu einem Atlas, zu einer Kartographie nachhaltigen Pflanzens fügt, spielt dennoch ebenfalls an die Welt der Wissenschaft an, erinnern die Zeichnungen doch an botanische Zeichnungen, etwa an solche aus dem 18. Jahrhundert, man denke z. B. an die Illustrationen von Franz Andreas Bauer.

Synthese: Technik und Natur schließlich verbinden sich in Achim Riethmanns Werkserien „EXO“, 2018, und „Solar Impulse II“, 2017. Sogenannte „Exoskelette“ hat der Künstler für „EXO“ ins Bild gesetzt, also Außen am menschlichen Körper angebrachte technische Schnittstellen, die z. B. die Steuerung von Maschinen ermöglichen. So wird der Homo Sapiens ein Stück weit zum Titan, zum „Übermensch“, der die technische Entwicklung gezielt einsetzt um die Differenz von Maschine und Mensch aufzuheben. Übrigens: Atlas war in der griechischen Mythologie ein Titan, einer der mit eigener Kraft das Himmelsgewölbe zu stützten vermochte. Die beiden Blätter von „Solar Impulse II“ schließlich rufen eine andere Form der Synthese von Technik und Natur in Erinnerung, nämlich die Nutzung von Sonnenenergie für die Flugzeugtechnik. „Solar Impulse II“ ist bekanntlich der Name für das erste Motorflugzeug, dem es gelang nur mit der Nutzung von Sonnenenergie umweltfreundlich den Globus fliegend zu umrunden. Achim Riethmann setzt dieser Leistung mit seinen Aquarellen dieses Flugzeugtyps ein visuelles „denkMal“.

Raimar Stange, Berlin, im Januar 2018

 
 
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