Interview von Isabelle Meiffert mit Achim Riethmann
anlässlich seiner Einzelausstellung Seltene Erden in der Galereie Evelyn Drewes im Frühjahr 2014



Du beschäftigst dich seit einigen Jahren mit dem Verhältnis Natur und
Mensch in unterschiedlichsten Facetten und Ausprägungen. Es geht nicht
nur um unseren Umgang mit Natur, sondern auch um größere Zusammenhänge,
Abhängigkeiten und Konsequenzen. Das sind zurzeit viel diskutierte
Fragestellungen. Die Anthropozän-These setzt genau hier an: Wir sind im
Erdzeitalter des Menschen angelangt sind. Wie sehen die Wechselwirkungen
von Natur und Mensch aus, wie dessen Folgen? Mich interessiert, was
deine persönliche Motivation für die Beschäftigung mit diesem Thema ist.



„Das Anthropozän hat begonnen, das Zeitalter der Menschen, sagen Wissenschaftler.“ (ZeitOnline)

Eine neue geochronologische Epoche benannt nach dem Menschen, ist das nicht interessant? Der Mensch hat scheinbar so schnell so viel Einfluss auf den Planet Erde wie kein Lebewesen vor ihm. Dabei gibt es ihn doch erst so kurz.


Das ich mich verstärkt mit der Natur, also natürlichen Motiven auseinandersetze, hat ganz unterschiedliche Gründe: Zum Einen gibt es diese ganz einfache Beziehung zwischen Medium Aquarell und der Abbildung von Flora und Fauna. Da es so ein schnelles Medium ist, eignet es sich gut zur direkten Abbildung im Freien oder Unterwegs. Viele Maler verwenden Wasserfarben um erste Eindrücke von Landschaften oder anderen natürlichen Motiven festzuhalten. Vor der Entwicklung der Fotografie ( zum Teil auch noch danach ) wurden bei wissenschaftlichen Untersuchungen und auf Forschungsreisen neu entdeckte Tiere und Pflanzen zeichnerisch abgebildet und mit Wasserfarben koloriert. Diese wurden dann in Zeitschriften und Büchern weiterverwendet. Diese traditionelle Rolle der Wasserfarbe führt dazu, dass sie heute oftmals nicht so ernst behandelt, oft sogar als etwas kitschiges wahrgenommen wird. Ich finde aber gerade diese Beziehung zur wissenschaftlichen Arbeit sehr gut. Wenn ich eine sehr präzise Abbildung von einer bestimmten Pflanze male, beinhaltet das Bild auch schon diese Geschichte, diesen analytischen Blick.


Richtig interessant werden die Pflanzenabbildungen für mich dann, wenn sie in Ausstellungen oder sonstigen Präsentationen in Beziehung gesetzt werden zu anderen, im ersten Moment vielleicht auch sehr unpassenden Motiven. So gibt es z.B. die Serie „seed“, in der ich "Aufständische" mit detaillierten Darstellungen von den weltweit wichtigsten Nutzpflanzen kombiniere. Oder auch die Serie „Globus“, in welcher kreisförmige Abbildungen von mich umgebenden bekannten Pflanzen wie Brennessel oder Holunder "Forscher"-Figuren entgegensetze. Während es in der ersten Serie mehr um politische Themen wie Armut / Hunger / Nahrungsmittelspekulation usw. gehen soll, behandelt die zweite Gruppe mehr die analytische, wissenschaftliche Sicht des Menschen auf seine natürliche Umwelt. Insofern besteht in dieser Serie vermutlich eine noch größere Beziehung zu deiner Frage und dem Begriff Anthropozän. Der Mensch macht sich die Welt durch wissenschaftliche Errungenschaften zu eigen, durch den Fortschritt; zum Guten wie zum Schlechten.

Und um auf deine Frage nach der persönlichen Motivation zurückzukommen: ich finde es gut und befriedigend diesem Prozess anhand der Beziehung des Menschen zu seiner pflanzlichen Umwelt nachzuspüren. Grüne Gentechnik und die verstärkte Nutzung nachwachsender Rohstoffe sind Themen unserer Zeit, und diese auch in der Kunst zu behandeln macht Sinn.
Mein Vater beschäftigt sich sein Jahren mit diesen Themen und betreibt einen Permakulturgarten, als Gegenentwurf zur Monokultur. Wir haben in vielen Gesprächen über seinen Zugang zur Gärtnerei, seiner Beziehung zur natürlichen Umwelt Parallelen gefunden zu meiner Auffassung von Kunst. Das hat mich sicherlich beeinflusst, diese Themen stärker in meinen Arbeiten zu behandeln.


Du schreibst, du konfrontierst die Pflanzendarstellungen mit verschiedenen
anderen Motiven. Neben den Aufständischen und den Forschern erinnere ich
mich an Helikopter, Autowracks und landwirtschaftliche Maschinen. Durch
diese Gegenüberstellungen eröffnest du ganz unterschiedliche
Themenfelder. Deine Ausstellung bei Evelyn Drewes trägt den Titel
SELTENE ERDEN. Was hat dich dort hingeführt?


Es war schwerer als gedacht einen Titel zu finden. „Zu den Wurzeln“, „Blattwerk“, „Unterholz“, „Man made landscape“ und bestimmt hundert andere Begriffe waren einfach nicht richtig. Es ist eine sehr konzeptuelle Ausstellung und der Titel sollte treffend, aber nicht zu eng sein. Viele angedachte Titel haben zu viel vorgegeben. Nach wochenlangen Überlegungen kamen wir dann auf „SELTENE ERDEN“ und zwar über den Umweg „Ressourcen“ oder auch „natürliche Rohstoffe“. Ich war schnell begeistert, die Galerie musste erst noch überzeugt werden, ist aber jetzt auch sehr glücklich mit diesem Titel.


Der Begriff bezeichnet eine Gruppe von Rohstoffen, Metalle, die man für die Produktion von modernen Elektronikartikeln benötigt, z.B. Smart-Phones. Sie sind sehr wertvoll geworden und spielen seit einiger Zeit eine immer wichtigere Rolle in der Weltwirtschaft und das Thema hat dadurch natürlich eine politische Dimension.

Dieser Bezug zu Rohstoffen passt sehr gut zu der Ausstellung, in der es ja auch um die Nutzung der (Um)Welt durch den Menschen gehen soll. Aber die Ausstellung soll wie angedeutet nicht zwangsläufig eine mögliche Interpretation anbieten. Ich finde der Begriff SELTENE ERDEN öffnet Assoziationsräume in sehr viele Richtungen, und viele davon passen zu meiner Arbeit:


- "ERDE" in Beziehung zu Wurzeln und Pflanzen im allgemeinen, und ganz konkret "Erde" in der Ausstellung in den Installationen...

- Die surreale Idee mehrerer "ERDEN", also Welten, Parallelwirklichkeiten. Auch in meinen Werken versuche ich Bilder zu schaffen, die trotz ihrer Gegenständlichkeit allgemeingültig sind. Durch die Herauslösung aus dem sonstigen Kontext, durch das Schablonenhafte bekommen die Motive oft etwas surreales.
- Das "SELTENE" deutet natürlich eine Zerbrechlichkeit an. Ich denke, dass eine gewisse Fragilität, vielleicht aber auch etwas Bedrohliches in meinem Werk von Bedeutung ist.


„SELTENE ERDEN“ ist ein sehr zeitgemäßer Begriff, der eine ganz konkrete Bedeutung hat, aber auch eine assoziative, surreale, fast poetische Ebene bedient. Das trifft im besten Fall auch auf meine Arbeiten und damit auch auf diese Ausstellung zu.



Deine Arbeiten sind sehr vielschichtig, das ist in unserem Gespräch schon rausgekommen. Bereits vor Jahren hast du mir gesagt, dass du künstlerische Postionen, wie die von Jenny Holzer und Hans Haake bewunderst. Damit betonst du die konzeptuelle Komponente deiner Werke, die manchen Betrachter_innen vielleicht verborgen bleibt, weil sie so fasziniert sind von der technischen Umsetzung - gerade bei deinen Aquarellen. Was erhoffst du dir, bei den Betrachter_innen auszulösen?


Das ist natürlich eine knifflige Frage. Erhoffe ich mir überhaupt etwas? Was erhoffst Du Dir davon, Ausstellungen zu machen? Natürlich brauche ich eine gewisse Anerkennung, aber das sollte eher neutrales Interesse, im Idealfall nachhaltige Auseinandersetzung sein.


Ich bin dort, wo ich mich mit meiner Kunst gerade befinde gelandet, über die Jahre, ohne Strategie, ohne Plan. Noch während meines Studiums dachte ich meine Zukunft liegt in der multimedialen, konzeptuellen Arbeit und ich war sehr skeptisch den „Spezialisten“ gegenüber. Künstlern, die sich über lange Zeiträume mit dem gleichen Medium auf die gleiche Art beschäftigen. Jetzt mache ich seit sieben Jahren vor allem Aquarelle auf eine recht spezielle Art und habe da bestimmt auch noch viel vor mir. So hat sich meine Sicht auf die Dinge geändert.


Ich will nichts spezielles bei den Betrachtern auslösen, und es gibt sehr sicher viele Menschen, die mit meiner Kunst nichts anfangen können. Aber es war mir immer wichtig, mich mit Themen zu befassen, die aus der „normalen“ Welt stammen. Viele Künstler befassen sich sehr mit der Kunst, mit dem Medium, oder mit allgemeineren philosophischen Fragen. Ich finde das gut und wichtig, und ich versuche das auch zu tun, aber ich persönlich brauche in meinem Werk diesen ersten sehr konkreten Bezug.


Es gibt dadurch immer wieder die Meinung meine Arbeiten seien politisch. Das denke ich nicht. Politische Kunst bedeutet für mich auch immer, dass der Künstler in seiner Arbeit konkret Stellung bezieht, zu bestimmten Fragen, zu politischen Diskussionen. Das mache ich nicht, glaube ich. Aber ich versuche natürlich bestimmte Themen in den Vordergrund zu bringen. Bei „SELTENE ERDEN“ geht es viel um die Beziehung des Menschen zu seiner natürlichen Umgebung und ich will und kann da keine Antworten geben; sagen, was falsch oder was richtig ist. Trotzdem finde ich es gut, darüber nachzudenken, sich individuell damit auseinanderzusetzen.


Mein vorrangiges Medium, das Aquarell, und die Art, wie ich damit arbeite kommt vor allem aus meiner persönlichen Leidenschaft dafür. Für viele Betrachter ist das der erste Bezug zu meinen Arbeiten: das Handwerk. Das finde ich gut, weil es eine Aussage sein kann in unserer Zeit. Man könnte die Arbeit mit diesem extrem subjektiven Medium auf diese präzise und langsame Art als eine Reaktion auf eine schnelle, vernetzte und immer effizientere Gegenwart verstehen.


Aber ich denke auch, dass die Ästhetik und das Handwerk meiner Bilder ein Schüssel sein kann. Ein Türöffner, um sich überhaupt für meine Arbeiten zu interessieren. So gesehen beschäftigen sich die Betrachter vielleicht gerade wegen der technischen Umsetzung mit meinen Ideen.



Du beschäftigst dich schon lange und intensiv mit dem Medium Aquarell. Trotzdem war dir immer wichtig, auch in anderen Medien zu arbeiten. Ich erinnere mich an verschiedene Objekte und an Fotografien, die aber selten eigenständig präsentiert, sondern meist in Beziehung zu anderen Arbeiten (Aquarellen) gesetzt wurden. In der Ausstellung 'SELTENE ERDEN' sind nicht nur Aquarelle, sondern auch bearbeitete Baumwurzeln zu sehen. In welchem Verhältnis stehen diese Objekte zu den Zeichnungen?



In der Ausstellung nehmen die Wurzeln räumlich eine sehr zentrale Rolle ein. Es sind ja zwei große Galerieräume, und in jedem gibt es eines von diesen großen Gebilden. Die Aquarelle hängen an den Wänden um diese Objekte herum. In einem Raum liegt eine der Kugelform angenäherte Wurzel auf einer Fläche aus Staub und Erde. Diese Arbeit (Wurzel_TFA), die du ja sehr gut kennst, weil sie für und während deiner Ausstellung Trans Form Aktion entstanden ist, steht in direkter Beziehung zu acht Aquarellen an der Stirnwand des gleichen Raumes. Die bereits erwähnte Aquarell-Serie mit dem Titel „Globus“ entstand zuerst. Es sind vier Paare, auf denen je eine Gestalt in weißem Schutzanzug, die eine kreisrunde ausgesparte Fläche in den behandschuhten Händen hält, einer gleichgroßen Kreisform aus pflanzlichen Strukturen/ Mustern gegenübergestellt wird. Diese Beziehung zwischen natürlicher Struktur und menschgemachtem Kreis wollte ich mit „Wurzel_TFA“ in ein Objekt übertragen. Im gleichen Raum hängt dann noch eine Arbeit aus vier Aquarellen (Globus 4/4), die direkten Bezug zu dieser Idee nimmt und nach der Wurzel entstanden ist.


Im anderen Galerieraum besteht das Objekt auch v.A. aus Wurzelholz und Staub/Erde (Wurzel_ED). Es ist allerdings vordergründig weniger bearbeitet und steht nicht so offensichtlich in Beziehung zu den umgebenden Arbeiten. Allerdings gibt es in der Haltung der Figuren auf den Bildern deutliche Bezüge zum Boden, der nicht weiter dargestellt wird. Man könnte die gesamte Installation also so lesen, dass das Objekt diesen Leerraum in den Bildern einnimmt.


Grundsätzlich arbeite ich selten an einzelnen Bildern / Werken. Oft sehe ich die Arbeiten, mit denen ich mich gerade beschäftige in Beziehung zu anderen Bildern oder Serien. Aber auch der Raum oder der Anlass, in der ich mir eine Arbeit vorstelle spielt eine große Rolle. In der Evelyn Drewes Galerie z.B. faszinierten mich diese sehr sauberen Räume: z.T. ohne Fenster, mit glänzendem Boden, perfekt rechtwinklig und mit kleine Türen erwecken sie schnell die Assoziationen an sehr saubere Arbeitsumgebungen wie z.B. in einem Labor. Durch die Objekte aus staubigen, dreckigen organischen Resten konnte ich einen starken Kontrast aufbauen und Ideen aufgreifen, die auch in meinen Aquarellen eine Rolle spielen.


Ich arbeite üblicherweise auf eine Ausstellungssituation hin und bin der Überzeugung, das meine Kunst dort „stattfindet“: in der Erfahrung dieser Ausstellung. Durch das Einbeziehen anderer Medien, die aber mit ähnlichen Überlegungen und Motivationen bearbeitet werden, kann man die Perspektiven und Assoziationsmöglichkeiten innerhalb eines Themas in der Ausstellung erweitern.

Das Aquarell ist und bleibt aber definitiv mein wichtigstes Medium. Ich habe mir dort ein gewisses handwerkliches Können erarbeitet und fühle mich sicher. Ich kann mir Themen und Motive erarbeiten und aneignen, wie ich es mit anderen Medien bisher nicht konnte. Die Basis für meine skulpturalen o.a. Arbeiten kommt immer aus dem Aquarell.





                             
 















 
 
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