Wurzel TFA


Achim Riethmann ist auf der Suche: nach Bezügen zwischen Objekten und Handlungen und nach deren Konsequenzen. Er gräbt, forscht und vermittelt, um unser Handeln zu reflektieren, ungeahnte Verbindungen und ihre Auswirkungen an die Oberfläche zu transportieren und uns bewusst zu machen. Auch in seinen Aquarellen wird dieses Interesse deutlich. Immer wieder werden verschiedene Themenkomplexe assoziativ miteinander verknüpft und so neue Erkenntnisse angeregt.


Natur und Mensch sind ein wiederkehrendes Untersuchungsfeld. Globus I-III, drei Aquarell-Paare in körperlicher Größe vereinen jeweils Naturbilder mit Forscherportraits. Im September 2013 hängen sie als Teil der Ausstellung TRANS FORM AKTION in einem kleinen ‚black cube’ im Kulturhaus III&70 auf der Hamburger Sternschanze. Drei Bildnisse von Menschen in weißen Schutzanzügen mit gelben Gummihandschuhen, die dem Betrachter ihren unterschiedlich großen, jedoch immer kreisrunden Untersuchungsgegenstand entgegenzuhalten scheinen. Diese ‚Objekte’ weisen jedoch keinerlei erkennbare Informationen auf. Den Arbeiten hängen drei weitere Aquarelle mit runden Naturausschnitten gegenüber. Ihre Größe entspricht denen der Forschungsobjekte. Erkennbar sind Fragmente von Gewächsen, von Holunder, Efeu, Brennesel, durchsetzt von Weißräumen und blinden Flecken, dekontextualisiert auf weißem Grund. Die Forscher mit den rätselhaften Objekten und die Gewächse scheinen durch das Ineinanderpassen ihrer Formen einander zugehörig. Bemerkenswert ist, dass in Achims Arbeiten Natur und Forscher nie auf einem Blatt, sondern immer separat, jedoch mit Bezügen zueinander – in der Regel mit Hinweisen auf ihre Abwesenheit – auftauchen. Ohne unmittelbare Berührungspunkte scheint es als würden die Forscher die Gewächse nur ausschnitthaft und indirekt wahrnehmen – durch ein Medium, vielleicht über ein Instrument mit runder Linse.


Wie nehmen wir im täglichen Leben Holunder, Efeu und Brennesel wahr? Wie Natur, wie die Welt? Die Realbegegnung wird mehr und mehr ersetzt durch die Wahrnehmung medial vermittelter Bilder. Durch diesen Transformationsprozess gehen viele Informationen verloren: haptische, taktile und olfaktorische Reize können beispielsweise nicht von Kameras übermittelt werden. Unser Blick auf die Welt, unser Bild, das sich aus den Medien speist, bleibt unvollständig, ähnlich unvollständig wie das der Aquarelle, welche Ausschnitte von Gewächsen, durchsetzt von Lücken und Leerstellen, zeigen. Welche Folgen hat die zunehmende Wahrnehmung von aus ihrem originären Kontext herausgelösten Objekten, Phänomenen und Handlungen?


Meiner Einladung zu der ortsbezogenen Ausstellung TRANS FORM AKTION folgend, sieht Achim sich erst einmal in ihrer Umgebung um. Er hat vor, seinen Aquarellen eine performative, ortsspezifische Arbeit an die Seite zu stellen. So ist er auf der Suche nach einer Wurzel, die im Viertel gefällt wurde und sinnbildlich für eine bewusste, vom Menschen eingeleitete Veränderung, eine Transformation des Stadtteils steht. Er findet sie am S-Bahnhof Sternschanze, der gerade umgebaut wurde, lässt sie reservieren und transportiert sie mit einer ganzen Crew von Ausstellungshelfern in die III&70. Ein paar Tage vor der Eröffnung liegt diese große Spolie mitten im Probenraum der III&70. Aus ihrer ursprünglichen Umgebung herausgelöst, entwurzelt im metaphorischen wie konkreten Sinne, nun inmitten des großen, ansonsten leeren Saales platziert, wirkt sie imposant, unerwartet. Achim wird sie während der gesamten Ausstellungsdauer bearbeiten, mit Hand- und Motorsägen, mit Schleifmaschinen. Er wird einen Kubus aus Holzlatten und dünner Folie als Staubschutz um sie herum bauen und zeitweise darin arbeiten. Er wird viele Gespräche mit Besucher_innen führen und seine Infowand, die den Arbeitsprozess dokumentiert, wird sich mit Bildern und Texten füllen. Die Wurzel wird er am Ausstellungsende zu einer Kugel geformt haben. Keine Kugel mit ebener, gleichförmiger Oberfläche, eher eine, welche die natürliche Form des Wurzelgeflechts integriert. Die frisch geschliffenen helleren Partien des Holzes kontrastieren sich mit den unbearbeiteten, die ihre typische bräunlich-gräuliche Farbigkeit halten. Diese runde, fragmentierte Form findet ihre Entsprechung in den Aquarellen Globus I-III.


Bei Wurzel TFA lässt sich jedoch ein gänzlich anderer Naturzugang beobachten als bei den Aquarell-Paaren. Das Verhältnis von Mensch und Natur, in diesem Fall von Achim und der Wurzel, ist direkt, unmittelbar und unvermittelt. Er bearbeitet eine reale Wurzel, die einst in der nahen Umgebung gewachsen war. Ihr Geruch, ihr Staub und der Lärm, der bei ihrer Bearbeitung entsteht, strömen den Ausstellungsbesuchern schon im Treppenhaus entgegen. Achims körperliche und Schweiß treibende Arbeit steht im Kontrast zu jener der Forscher in weißen Anzügen und Handschuhen, die den direkten Kontakt zu den Pflanzen meiden und sich von ihnen abgrenzen. Dieses performative Werk ist das erste von Achim, dass Forscher und Natur eint. Der Künstler als Forscher transformiert die Natur ohne ihre natürlichen Formen zu ignorieren. Er akzeptiert sie, bindet sie in das Werk ein, natürlich gewachsene und menschlich geschaffene Formen spielen zusammen, erzeugen eine harmonische Spannung. So kann Wurzel TFA in der medialisierten Welt des 21. Jahrhunderts als (der zunehmenden Naturentfremdung) gegenläufiges Konzept gelesen werden; als Konzept, welches die konstruierte Distinktion zwischen Mensch und Natur zu überwinden sucht.


Isabelle Meiffert, 2014

Kuratorin TRANS FORM AKTION





 










 
 
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