Rede in der Galerie Anke Zeisler zur Eröffnung der Ausstellung ACHIM RIETHMANN „der Blaue Himmel“ am 25.1.2012


Als ich zum ersten Mal eines seiner Werke sah, war ich beeindruckt von der Genauigkeit der Darstellung mit den Mitteln von Wasserfarbe und Papier und dieser ganz eigenen Idee der Konzentration. Auf dem Blatt befindet sich lediglich eine Figuration – ohne Verankerungen im Raum, d.h. keine Landschaft, kein Interieur, kein Hintergrund - und sogar diese Figuration besteht sehr oft nur aus den Teilen, die der Künstler im Fokus hat. Was bedeutet, sie bleibt unvollständig, ausgespart von Eigenem und manchmal auch von etwas, das sie imaginär im Vordergrund überdeckt – als weiße Flecken. Diese künstlerische Methode verweist unter anderem auf den Aspekt unserer Wahrnehmung, immer nur Ausschnitt sein zu können.

Aber was für Ausschnitte zeigt Riethmann da? Wir sehen Darstellungen vom Menschen, Darstellungen aus der Technik und aus der Natur. Wie schön und wie genau er Pflanzen zeichnet: Fruchtzweige der Baumwolle, Reisgräser oder die aufragende Kartoffelblume. Es sind komponierte Blätter von einer bestechenden Ästhetik, mit der sich der Künstler auch einem kaputten Auto, einem abgestürzten Kriegshelikopter oder Menschen in Schutzanzügen widmet.

Der aufmerksame und kritische Beobachter Riethmann findet seine Themen in der Presse, Zeitungen, Zeitschriften. Fotos, die Nachrichten begleiten, geben den Anstoß für ein Aquarell. Auch wenn er das Motiv übernimmt, so kommt doch die Zeichnung ganz aus ihm selbst. Man kann sagen, es ist im Ansatz eine bildnerische Übersetzung des Zeitungsfotos, das Riethmann benutzt. Tatsächlich aber ist es eine Art Verwandlung in ein Bildwerk mit einer ihm eigenen Struktur. Es geht ein in das Schaffen des Künstlers zu einer Gesamtthematik: Diese will uns in anderer Weise als es die Pressenachrichten tun, vor Augen führen, was geschieht.

Der Künstler richtet seinen Blick auf wesentliche, unser Dasein existentiell berührende Entwicklungen und arbeitet diese anhand von Einzelbeispielen heraus. So stehen Riethmanns Pflanzendarstellungen exemplarisch für Gentechnik. Wir kennen das vom Reis (Eiweißgehalt), von der Kartoffel (Stärkeanteil) oder der Baumwolle (Schädlingsresistenz). Diese Auswahl betrifft zudem einige der elementar wichtigen Pflanzen für Nahrung und Kleidung des Menschen. Und daher ist zu verstehen, dass er die Reihe der Pflanzenaquarelle durchmischt mit denen der menschlichen Figur - immer im Schutzanzug, meist mit Maske oder anderem Gesichtsschutz. Als wollte sich der Mensch vor seinen eigenen Produkten oder vor sich selbst in Schutz bringen.

Die von Riethmann aufgegriffenen Themen sind bekannt und wir müssen uns eingestehen: irgendwie leben wir damit. Es ist erstaunlich, wie stark uns diese Arbeiten dennoch ansprechen in ihrer unprätentiösen und leisen Art: präzise, formal und gedanklich durchgearbeitet und irgendwie auch gewagt und mutig, wenn man bedenkt, dass jeder Pinselstrich richtig sein muss, denn das Aquarell ist nicht zu korrigieren. Die feine Noblesse des gekonnten Handwerks und das anziehend Schöne in jedem Blatt entfalten aber erst mit dem innewohnenden kritischen Engagement und einem von Sorge um die Zukunft gerichteten Denken ihre ganze Kraft.Diese Art zu arbeiten“ sagt Riethmann „da kommt man um diese Geschichten nicht herum.“


Hier fühle ich mich erinnert an den Philosophen Günther Anders. Er hatte 1952 einen Briefwechsel mit einem der Piloten der „Hiroshima-Mission“. Darin heißt es an einer Stelle:  Die Möglichkeit der Apokalypse ist unser Werk. Aber wir wissen nicht was wir tun. Wir wissen es wirklich nicht, und auch diejenigen wissen es nicht, die über die Apokalypse entscheiden; denn auch sie sind wir, auch sie sind grundsätzlich inkompetent. Dass auch sie inkompetent sind, ist freilich nicht ihre Schuld. Vielmehr die Folge einer Tatsache, die keinem von ihnen und keinem von uns angerechnet werden kann:  nämlich Folge der täglich wachsenden Kluft zwischen zwei unserer Vermögen: zwischen dem, was wir herstellen können und dem, was wir vorstellen können.

Da wie hier in der Ausstellung sehe ich ein erforschendes und erkennendes Konstatieren. Hier sind es die Gedankenanstöße, eines jungen Künstlers im Jahr 2012. Es hatte sich gefügt, dass Achim Riethmann vom Mitteldeutschen Verlag den Auftrag erhielt, zu Kriegsgeschichten aus Vietnam – nicht so ganz weit von Hiroshima entfernt – Aquarelle zu erarbeiten.


© Anke Zeisler


                                  

   















 
 
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